Halver geschichtlich

 

Halver geschichtlich

 

Das älteste archäologische Fundstück, das bislang auf Halveraner Gebiet gefunden wurde ist ein Griffdolch aus Feuerstein. Sein Alter wird auf 3.600 bis 4.000 Jahre geschätzt, was bedeutet, dass er aus der frühen Bronzezeit stammt. Ausgestellt ist der Griffdolch im Museum für Ur- und Frühgeschichte von Schloss Werdringen in Hagen-Vorhalle [1].

Die erste Besiedelung des heutigen Stadtgebietes geschah wahrscheinlich durch die Sugambrer und später auch durch die Sachsen. Erstmals erwähnt wurde Halver um das Jahr 950 im Werdener Probsteiregister als Oberhof Halvara, der am Kreuzungspunkt der alten Heerwege Köln-Soest und Hagen-Siegen lag [2]. Damit gehört Halver zu den ältesten Ortschaften im märkischen Sauerland. Die Entstehung des heutigen Namens „Halver“ ist nicht vollständig geklärt. Einige Historiker meinen, dass Urkunden aus dem 10. Jahrhundert belegen, dass der Name von der hier entspringenden Hälver abgeleitet wurde.

Der in Deutschland einmalige Ortsname Halver bereitet vielen Mühe bei der Aussprache. Wie wird er ausgesprochen? – Halwer oder Halfer? Da scheiden sich die Gemüter und manchmal gibt es selbst unter den alteingesessenen Halveranern harte Diskussionen darüber. Viele früher benutzte Schreibweisen wie Halvara, Haluera, Haluere und Halvere deuten in der Tat daraufhin, dass der Ortsname als Halwer gesprochen werden muss. Allerdings gibt es auch Urkunden aus der Zeit vor dem 15. Jahrhundert, in der Halver als Halfter genannt und nach dem 17. Jahrhundert auch schon einmal als Halfer geschrieben wurde. Und dennoch, das Regelwerk der deutschen Sprache, der Duden weist in seinem Band „Aussprachewörterbuch“ darauf hin, dass Halver Halwer gesprochen wird. Und doch benutzen die meisten die andere Version. Lassen wir also beide Varianten gelten, was Halver wieder einmal mehr als einzigartig erscheinen lässt.

Über einen Zeitraum von mehr als 500 Jahren besaß Halver ein eigenes Gericht, das so genannte Frei- oder Femegericht. Dies ist seit dem Jahre 1243 nachweisbar und wurde erst im Jahr 1753 aufgelöst. Noch heute zieren die Gerichtslinde (Femelinde) und der steinerne Richtertisch oberhalb eines rot-weißen Schachbrettmusters, das Halvers frühere Zugehörigkeit zur Grafschaft Mark symbolisiert, das von Otto Hupp entworfene und am 29. März 1935 durch Erlass des Reichs- und Preußischen Minister des Inneren an die Gemeinde Halver verliehene Wappen.

Abbildung links: Stadtwappen von Halver. Quelle: Wikipedia [Public Domain].

Am bekanntesten wurde das Halveraner Femegericht durch die Übertragung des Streits zwischen dem Herzog Heinrich von Bayern-Landshut (Heinrich XVI. dem Reichen) und dem Ritter von Toerring durch den Kaiser am 2. Mai 1430. Diese Verhandlung wurde in einem Theaterstück von Hermann Diebschlag auf Anregung von Günther Vahlefeld, dem damaligen Vorsitzenden des Halveraner Heimatvereins, zum 555sten Jahrestag nachempfunden. Dabei spielten die Halveraner Horst Syberg und Waldemar Bremicker die Hauptrollen in diesem historischen Ereignis. Das Stück, zuerst bei strömenden Regen im Freien, vor dem nachgebauten Freistuhl, dargeboten, wurde dann etwas später noch einmal in der Reithalle aufgeführt [3]. Hermann Diebschlag als Verfasser des Stückes sagte dazu: „Es könnte sich so zugetragen haben. Da ich aber nicht dabei war, übernehme ich keine Verantwortung dafür, dass jedes Wort der Realität entspricht.“ An dieses historische Ereignis erinnert heute auch der vom Bildhauer Werner Klenk geschaffene Geschichtsbrunnen, der Anfang November 1994 im Stadtzentrum aufgestellt und am 5. November 1994 eingeweiht wurde. Der Brunnen wurde seinerzeit von der Sparkasse Halver-Schalksmühle zu ihrem 150jährigen Bestehen gestiftet. Die Figuren auf der linken Brunnenseite stellen den Ritter von Toerring und den Herzog Heinrich von Bayern-Landshut dar.

Der Geschichtsbrunnen von vorne (oben links), von hinten (oben rechts), von links (unten links) und von
rechts (unten rechts). Fotos: © Axel Ertelt (28.07.2013).

Einigen Vorschlägen nach wurde innerhalb des Kreisels, [4] eine Linde gepflanzt und ein Grauwacke-Tisch aufgestellt. Inzwischen wurde auch eine farblich halbwegs rote und weiße Bepflanzung in Form des Schachbalkens aus dem Stadtwappen vorgenommen. Das Ganze soll nicht nur an das Halveraner Stadtwappen erinnern, sondern vielmehr soll damit auch das alte Femegericht nachgestellt werden.

Bis zum 30. September 1912 war die heutige Nachbargemeinde Schalksmühle mit Halver vereint. Mit Wirkung zum 1. Oktober 1912 spaltete sich der Ortsteil Schalksmühle von Halver ab, so dass aus ehemals einer Gemeinde nun zwei Gemeinden wurden. Beide wurden nach wie vor vom Amt Halver verwaltet, das bis dahin lediglich dem Namen nach ein „Amt“ war. [5] Dies änderte sich erst mit der kommunalen Neuordnung im ehemaligen Landkreis Altena, zu dem damals die beiden Gemeinden Schalksmühle und Halver gehörten. Beide Gemeinden wurden zum 1. Januar 1969 selbständig und das Amt Halver aufgelöst. Dies war auch der Zeitpunkt, zu dem Halver die Stadtrechte verliehen bekam und damit aus dem ehemals „schönsten Dorf Westfalens“ [6] eine Stadt wurde.

Was viele aus der jüngeren Generation nicht wissen, ist die Tatsache, dass auch der Halveraner Stadtteil Oberbrügge einmal für knapp zwei Jahre eine eigenständige Gemeinde war, die dem Amt Halver angehörte. Dies war zu Ende des Zweiten Weltkrieges, als die Alliierten Dr. Robert Lehr im Mai 1946 zum Bürgermeister von Oberbrügge machten. Dr. Lehr war früher Oberbürgermeister von Düsseldorf und mit der Tochter des Oberbrügger Unternehmers Hermann Steinbach verheiratet. Nach seiner Episode als Oberbrügger Bürgermeister ging er in die Bundespolitik und wurde am 13. Oktober 1950 Bundesminister des Innern unter der Regierung von Konrad Adenauer. Dr. Robert Lehr starb im Alter von 73 Jahren in Düsseldorf und wurde am 13. Oktober 1956 auf dem ev. Friedhof in Oberbrügge beerdigt.

Zu den größten Katastrophen, die Halver in seiner mehr als tausendjährigen Geschichte erlebte, ist die Pest zu erwähnen, die besonders im 17. Jahrhundert weite Teile Deutschlands befiel. In Halver wütete sie in den Jahren 1635/36 und forderte den Chroniken nach hier um die 1.100 Todesopfer. Das waren damals vermutlich mindestens 1/3 aller Einwohner.

Teile der mittelalterlichen Bergisch-Märkischen Landwehr bildeten einst die Stadtgrenze zum Nachbarort Radevormwald. Diese Landwehr wurde vermutlich um das Jahr 1310 errichtet und bestand aus zwei bis drei Erdwällen mit einem Graben geringer Tiefe dazwischen. An den Außenseiten befanden sich tiefere Gräben. Häufig waren die Wälle auch mit Baumpfählen bewehrt. Im Bereich der Stadtgrenze zwischen Halver und Radevormwald ist heute davon so gut wie nichts mehr zu sehen. Einzelteile der Landwehr im oberen Bereich des Ortsteils Schwenke wurden in der Vergangenheit auch schon mal als „Schwedenschanze“ bezeichnet.

Anders verhält es sich unterhalb von Schwenke am Bollberg. Hier befindet sich eine frühmittelalterliche, auch als Fliehburg bezeichnete, Ringwallanlage, die zumindest in Teilen auch heute noch erkennbar ist [7]. Allerdings ist sie von dichtem Unterholz und Gestrüpp derart überwachsen, dass man schon genau hinschauen und wissen muss, wo und nach was man hier sucht.

Karl der Große (* 2.4.747, † 28.1.814) ließ zur Sicherung an den Grenzen der von ihm unterworfenen Gebiete an besonders strategisch wichtigen Punkten die „Meierhöfe“ anlegen. Zur Verwaltung dieser „Meierhöfe“ wurde ein „Meier“ eingesetzt, dem eine Gruppe von gut ausgebildeten und entsprechend ausgerüsteten Soldaten unterstand. Die „Meier“ hatten den Auftrag die Grenze zu sichern, den Hof Ertrag bringend zu verwalten und nebenbei auch die Menschen der Umgebung zum christlichen Glauben zu bringen.

Ein solcher „Meierhof“ war auch der „Rhaderhof“ in Halver-Oberbrügge, der wahrscheinlich auf dem „Lindenhügel“ seinen Sitz hatte. Dies lassen zumindest Bodenfunde und geschichtliche Untersuchungen vermuten. An den „Rhaderhof“ erinnert heute „Haus Rhade", das jetzt in der Nähe der Volme am Ortsausgang an der B54 zwischen Halver-Oberbrügge und Kierspe-Bollwerk, auf heute Kiersper Gebiet, gelegen ist. Das Gelände für den „Meierhof“ wurde durch Rodung des dichten Waldes gewonnen. Dadurch werden die in den alten Urkunden unterschiedlichen Bezeichnungen für „Haus Rhade“ bzw. den „Rhaderhof“ verständlich: „Rhode“, „Rode“, „Royde“ und „Rade op de Volme“. Wegen der günstigen Lage konnte von diesem „Meierhof“ in Halver-Oberbrügge aus nicht nur der Zugang ins obere Volmetal, sondern auch die damals wichtige alte Heer- und Handelsstraße von Halver nach Lüdenscheid kontrolliert werden.

Bereits am 12. März 1798 bekam Halver seine erste Apotheke, die von Peter Hermann Gerhardi als ersten Halveraner Apotheker betrieben wurde. Fast Hundert Jahre später erhielten die Halveraner sogar ein eigenes Krankenhaus mit 20 Betten. Dabei handelte es sich um das sogenannte Wichernhaus in der heutigen Schulstraße, das am 1. März 1892 eingeweiht wurde. Allerdings wurde es bereits 15 Jahre später wieder geschlossen weil es weder in Größe noch in der Ausstattung den wachsenden Anforderungen der Zeit entsprach. Danach gab es  nie wieder ein Krankenhaus in Halver. Alternativ dazu war von mehreren Ärztinnen und Ärzten in den 1960er Jahren ein Ärztehaus für Halver im Gespräch. Vier Praxen sollten darin enthalten sein, deren Betreiber abwechselnd rund um die Uhr auch als Notärzte fungieren wollten. Zudem sollte dort auch ein Krankenwagen stationiert werden. Doch dazu kam es nie weil das Vorhaben an der schwerfälligen Politik scheiterte.

 

Quellen- und Literaturhinweise

Halver-informativ: „Stadt Halver - Infos, Zahlen und Fakten über die Stadt“; www.halver-informativ.de [19.11.2012]
Kammenhuber, Hans-Jürgen: „Vom Bürgermeister zum Innenminister"; Allgemeiner Anzeiger, 20.08.2013
Kammenhuber, Hans-Jürgen: „Ein erzählendes Kunstwerk"; Allgemeiner Anzeiger, 05.11.2014
Kammenhuber, Hans-Jürgen: „Im Zeichen des Neubeginns"; Allgemeiner Anzeiger, 01.03.2016
Knitter, Christa: „Halwer oder Halfer?“; www.halver.de [19.11.2012]
Krumm, Thomas: „Als das Sauerland noch ein tropisches Flachmeer war"; Allgemeiner Anzeiger, 15.01.2015
Neuhaus, Reinhard: (Anmerkungen zur Abspaltung Schalksmühles von Halver und zur Bedeutung des Begriffes „Amt“); Facebook, Gruppe Halver/Westfalen, 16.08.2013
Ruthmann, Detlef: „Grauwacke-Tisch kaum zu realisieren“; Allgemeiner Anzeiger, 11.12.2013
Stadt Halver: „Stadtgeschichte"www.halver.de [19.11.2012]
Stadt Halver: Rund um Halver"; Bell Verlag, Halver im August 2010
Wikipedia: „Amt (Kommunalrecht)“; de.wikipedia.org, 01.08.2013
Wikipedia: „Halver“; de.wikipedia.org [19.11.2012]
 

 
[1] Öffnungszeiten des Museums: Mi. bis Fr. von 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr, Sa. bis So. von 11.00 Uhr bis 18.00 Uhr.
[2] Beide ehemaligen Heerwege werden in Etwa auch seit altersher als Fernverkehrsstraßen benutzt.
[3] Dieses Theaterstück ist im Internet nachzulesen auf der offiziellen Website der Stadt Halver unter dem Link: http://www.halver.de/_stadtinfo/stadtgeschichte/Femegericht.php.
[4] Der Kreisverkehr in der Von-Vincke-Straße. 
[5] „Ein Amt besteht aus mehreren Gemeinden und hat eine gemeinsame Verwaltung. (…) Ämter wurden ursprünglich in verschiedenen mittelalterlichen Territorien zur Landesverwaltung angelegt und halten sich teilweise bis in die Gegenwart. Zudem waren Ämter meist auch die unterste Gerichtsinstanz. Verwaltet wurden die Ämter durch den Amtmann.“ Auszugsweise aus: Wikipedia, „Amt (Kommunalrecht)“.
[6] Die landschaftlich schöne Lage hatte Ludwig von Vincke (* 23.12.1774, † 2.12.1844), zu der Äußerung veranlasst, Halver sei „das schönste Dorf Westfalens“. Ludwig von Vincke war von 1815 bis 1844 Oberpräsident der neu gegründeten preußischen Provinz Westfalen. In Halver erinnert heute der Straßenname „Von-Vincke-Straße“ an ihn.
[7] Jedenfalls habe ich sie selbst in den 70er Jahren noch finden können.
 

Heimatverein Halver e.V.: „Historischer Rundgang“

Hier geht es zu einem 17 Stationen umfassenden, historischen Rundgang durch das alte Halver. Viele Gebäude, die hier abgebildet wurden, existieren heute nicht mehr. Diese Broschüre lässt das „Alte Halver“ wieder „auferstehen“. Sie ist im Heimatmuseum kostenlos erhältlich oder kann hier beim Heimatmuseum herunter geladen oder ausgedruckt werden.


 
Diese Seite wurde zuletzt aktualisiert am 02.03.2016 14:46:14 Uhr.
 

 


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